Chinas Aufstieg als größter Investor in Zentralasien: Ein geopolitischer Wandel
Heute ist der 10.06.2026. In der geopolitisch spannenden Region Zentralasien hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Laut der Eurasian Development Bank (EDB) ist China nun der größte ausländische Investor in Zentralasien und hat Russland in dieser Hinsicht überholt. Dies ist nicht nur ein wirtschaftlicher Umbruch, sondern auch ein Zeichen für die veränderten Machtverhältnisse in der Region. Chinas Investitionen konzentrieren sich vor allem auf Öl, Gas, Bergbau und Verkehrsinfrastruktur, wobei die meisten Mittel nach Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan fließen, die zusammen etwa 90 % der chinesischen Investitionen seit 2015 erhalten haben. Ein herausragendes Projekt ist das 9,4 Milliarden Dollar teure Ölfeld in Turkmenistan, das von der China National Petroleum Corporation (CNPC) verwaltet wird.
Besonders auffällig ist der Anstieg der chinesischen Investitionen in Usbekistan, die sich in den letzten fünf Jahren um beeindruckende 500 % erhöht haben. Diese Investitionen zielen darauf ab, die usbekische Wirtschaft in den Bereichen Fertigung und erneuerbare Energien zu diversifizieren. Angesichts der geografischen Gegebenheiten der Region, die Wind- und Solarprojekte begünstigt, könnte dieser Trend auch dazu beitragen, ländliche Gebiete in China mit Energie zu versorgen.
Russlands Einfluss schwindet
Der Ukraine-Krieg hat Russland in Zentralasien erheblich an Einfluss kosten, wie das Foreign Policy Research Institute (FPRI) feststellt. Zentralasiatische Staaten beginnen, Russland nicht mehr als Sicherheitsgaranten zu betrachten, sondern sehen es möglicherweise sogar als Bedrohung. Die geopolitische Neuausrichtung zeigt sich deutlich in der verstärkten Rolle Chinas, das die Region als strategisch wichtig erachtet, insbesondere wegen der vorhandenen Öl- und Mineralienvorkommen sowie der Handelsströme nach Europa.
Chinesische Unternehmen dominieren mittlerweile die Telekommunikationsinfrastruktur in Zentralasien, und der Handel zwischen China und dieser Region hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Kasachstan nimmt dabei mit fast 50 % des Handelsvolumens von 106,3 Milliarden Dollar eine zentrale Rolle ein. Trotz dieser positiven Handelsbilanz gibt es Diskrepanzen zwischen den offiziellen Zahlen der chinesischen Behörden und den Angaben der zentralasiatischen Republiken, was auf eine komplexe Beziehung hinweist.
Die Belt and Road Initiative (BRI) und ihre Konsequenzen
Im Rahmen der Belt and Road Initiative (BRI) hat Zentralasien in der ersten Hälfte des Jahres 2023 Rekordinvestitionen in Höhe von 25 Milliarden Dollar angezogen. Diese Initiative zielt darauf ab, Handels- und Verkehrsverbindungen zwischen China und verschiedenen Ländern in Asien und Europa zu stärken. Zentralasien fungiert dabei als strategische Drehscheibe, und die Investitionen konzentrieren sich auf den Ausbau von Verkehrsinfrastrukturen, Energieprojekten sowie die Unterstützung kleinerer lokaler Unternehmen, was zur Diversifizierung der Wirtschaft beiträgt.
Allerdings gibt es auch Bedenken innerhalb der Bevölkerung in Zentralasien bezüglich des chinesischen Einflusses. Viele der besten Arbeitsplätze im Rahmen der BRI gehen an importierte chinesische Arbeiter, was Ressentiments auslöst. Zudem gibt es Sorgen über mögliche Schulden bei chinesischen Banken und die Angst vor Gebietsverlusten an China. Politisch bleibt Chinas Engagement umstritten, insbesondere im Kontext der Menschenrechtslage der Uiguren in Xinjiang, was in der Region zu Anti-China-Demonstrationen führt.
Auf der Suche nach neuen Handelsbeziehungen
Kasachstan, das eine große Landgrenze zu Russland hat, zeigt sich besorgt über eine mögliche Überabhängigkeit von China und strebt an, seine Optionen mit Russland und anderen Partnern offen zu halten. In diesem Kontext wird Hongkong als „Brücke“ zwischen Zentralasien und China gesehen, obwohl Kasachstan möglicherweise keinen Mittelsmann benötigt.
Insgesamt deutet die aktuelle Situation auf ein wachsendes Interesse an Zentralasien hin, das sich zu einem wichtigen Knotenpunkt für internationalen Handel entwickeln könnte. Die zentralasiatischen Länder müssen jedoch eigene Strategien entwickeln, um die Vorteile ausländischer Investitionen nachhaltig zu nutzen und die Zusammenarbeit zwischen Regierungen, Privatwirtschaft und internationalen Partnern zu stärken.
