Krise der Polizeiführung in England und Wales: Fehlende Ausbildung und öffentliche Zustimmung
Heute ist der 6.07.2026, und ein aktueller Bericht hat die britische Polizeiführung in England und Wales in den Fokus gerückt. Eine von der Regierung unterstützte Überprüfung zeigt eine besorgniserregende Lage auf: Die Polizeiführung steht vor einer Krise, die durch variierende Qualität der Polizeiarbeit und unzureichendes Training für Führungskräfte gekennzeichnet ist. Nur 13 % der Polizeibeamten glauben, in einer „gut geführten und verwalteten Organisation“ zu arbeiten. Der Bericht, geleitet von David Blunkett und Lord Nick Herbert, bezeichnet sich als die umfassendste Untersuchung der Polizeiführung in England und Wales seit einer Generation. Die Ergebnisse sind alarmierend und werfen Fragen zur Effektivität der Polizeiarbeit auf.
Ein zentrales Anliegen des Berichts ist die Aufforderung an Polizeiführer, sich von „Kulturkriegen oder Wokeness“ fernzuhalten und sich auf die Verbrechensprävention zu konzentrieren. Diese Empfehlung kommt nicht von ungefähr, denn einige Polizeikräfte scheinen den Fokus auf die Verbrechensbekämpfung verloren zu haben. Die Peelian-Prinzipien von 1829, die die Grundlage der britischen Polizeikultur bilden, betonen die Notwendigkeit der Zustimmung der Öffentlichkeit zur Legitimität der Polizei. Historiker Charles Reith beschrieb diese Prinzipien 1956 als eine einzigartige Herangehensweise an die Polizeiarbeit, die auf öffentlicher Kooperation basiert und nicht auf Angst. Der stellvertretende Kommissar der Metropolitan Police, Matt Jukes, äußerte, dass die Polizei nicht in polarisierte Debatten verwickelt werden sollte und dass die Führung nicht sicher genug war, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen.
Führungsausbildung und -qualität in der Polizei
Die Untersuchung zeigt auch, dass die Qualität der Führungskräfte in der Polizei variabel ist, teilweise aufgrund unzureichender Ausbildung. Im Vergleich zu anderen uniformierten Diensten erhalten Polizeiführer deutlich weniger Führungstraining. Während ein Colonel 15 Jahre nach seinem Abschluss an Sandhurst 72 Wochen Führungsausbildung erhält, haben Chief Superintendents in der Metropolitan Police lediglich zwei bis drei Wochen. Diese Diskrepanz ist alarmierend und führt dazu, dass mehr als ein Fünftel der neuen Sergeants und Inspectors angibt, in den ersten zwei Jahren ihrer Rolle keine formale Führungsausbildung erhalten zu haben.
Ein weiterer wichtiger Punkt des Berichts sind die Vorwürfe zur ungleichen Anwendung des Gesetzes, die oft auf den Hintergrund oder die soziale Gruppe der Beteiligten zurückzuführen sind. Um dem entgegenzuwirken, sollte die Polizeiführung sich weigern, in „Kulturkriege“ verwickelt zu werden und sich stattdessen auf die Verbrechensbekämpfung konzentrieren. Der Bericht betont, dass die Legitimität der Polizei durch Transparenz, Integrität und Rechenschaftspflicht in der Ausübung ihrer Befugnisse bestimmt wird.
Policing by Consent und Veränderungen in der Polizeiarbeit
Im Kontext der aktuellen Herausforderungen ist auch das Konzept „Policing by consent“ von Bedeutung, das von der UK Regierung 2012 definiert wurde. Dieses Konzept besagt, dass die Macht der Polizei aus dem gemeinsamen Einverständnis der Öffentlichkeit stammt, anstatt von staatlicher Autorität. Allerdings wurde in einer Studie festgestellt, dass das britische Polizeisystem zunehmend „policing by law“ geworden ist, was bedeutet, dass mehr Macht durch Gesetze an die Polizei übertragen wird, im Gegensatz zur Zustimmung der Öffentlichkeit. Diese Entwicklung könnte langfristig die Beziehung zwischen der Polizei und der Gemeinschaft belasten.
In Deutschland gibt es ähnliche Entwicklungen in der Polizeiführung. So regelt die Polizeidienstvorschrift 100 (PDV 100) die Führungs- und Einsatzgrundsätze der deutschen Polizei. Die neu formulierte Nummer 1.5 ersetzt das seit über 40 Jahren bestehende KFS (Kompetenz- und Führungsstruktur) als verbindliches Führungssystem. In einem Blogbeitrag der Deutschen Hochschule der Polizei hat Stefan Mayer, Leiter des Fachgebiets I.1, die Entstehungsgeschichte der neuen Regelung sowie die Herausforderungen und Möglichkeiten ihrer Umsetzung behandelt. Auch hier wird deutlich, dass eine moderne Polizeiführung auf neuen wissenschaftlichen Ansätzen und einer klaren Struktur basieren muss, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und zu erhalten.
Insgesamt zeigt der Bericht über die Polizeiführung in England und Wales, dass es an der Zeit ist, grundlegende Veränderungen vorzunehmen. Die Herausforderungen sind groß, doch mit einem klaren Fokus auf Verbrechensbekämpfung und der Rückbesinnung auf die Prinzipien der öffentlichen Zustimmung könnte sich die Polizeiarbeit nachhaltig verbessern. Nur so kann das Vertrauen der Bürger zurückgewonnen werden.
